1. Bericht aus Marrakech -2012

Liebe Freunde,

Kalt sind jetzt die Nächte in Marrakech! Aber kalt, bitterkalt ist es in unserem Dorf Kharoua auf rund 900m im Atlas. Nach den nächtlichen 1 bis 2 Grad schrauben sich die Temperaturen tagsüber mühsam auf 13 Grad hoch!
Können Sie sich vorstellen, wie jetzt das Leben in den Häusern ohne Isolation ertragen werden muss?! Schön, dass wenigstens unsere Kinder in den gespendeten Schlafsäcken und Iso Matten schlafen können. Nochmals einen „warmen“ Dank nach Heidelberg!

Mit Sorge schaute alles in den letzten Wochen in den wolkenlosen Himmel. Jetzt hat es in diesen Tagen wenigstens ein paar Tropfen geregnet. Auf den Bergen im Atlas liegt für diese Jahreszeit wenig Schnee. Alles bangt jetzt schon um die diesjährige Ernte, nicht nur bei uns in Kharoua, auch im ganzen Land sind die Sorgen um die Versorgung groß. Die Preise der Grundnahrungsmittel haben sich in den letzten Wochen bereits drastisch
verteuert.

Wir werden sicherlich einzelnen, besonders bedürftigen Familien im Dorf etwas helfen müssen.

Bevor wir auf das allgemeine Umfeld unserer Arbeit im Kindergarten zu sprechen kommen, möchten wir von 2 weiteren Erfolgen unserer Bemühungen berichten, leistungsstarken Mädchen die Möglichkeit zu geben, das Gymnasium in Tahannaout besuchen zu können.

Das Einverständnis des Vaters von Lubna für einen weiteren Schulbesuch mit Internatsaufenthalt konnten wir im Dezember erreichen (wir informierten bereits im letzten Bericht). Die Finanzierung eines Internatsplatzes durch eine Sponsorin konnten wir ebenfalls sichern.

Nun gab es noch 2 „ungelöste“ Fälle im Dorf. Samira und Radia, beide jetzt gut 14 Jahre alt, hatten im Sommer 2010 die Aufnahmeprüfung in Tahannaout bestanden, die Eltern (sprich die Väter!) verweigerten aber generell den weiteren Schulbesuch.
Wir hatten in all den Monaten bei den Vätern gebohrt und gebohrt, zumal die Mädchen mit akzeptablen Leistungen sehnsüchtig gerne weiter zur Schule gehen wollten.

Vielleicht begünstigt durch die positive Entwicklung bei Lubna konnte der Widerstand der Väter in diesen Tagen gebrochen werden. Ihre Bedenken über das angeblich nicht sichere Internatsleben konnten wir zerstreuen. Man hat sich letztlich auf unsere persönliche Beurteilung verlassen!

Natürlich war in diesen beiden Fällen besonders das Placet der Schulleitung für diese „Spät-Wiedereinsteiger“ erforderlich, damit sie im Sommer dieses Jahr nach zwei Jahren Pause noch in die 7. Klasse einsteigen dürfen.

Wir freuen uns, dass dieser Schulleiter soviel Verständnis aufbrachte, um unser Anliegen zu unterstützen und speziell den Mädchen eine Chance zu geben!!

Beide kommen jetzt jeden Vormittag zu uns in den Kindergarten und versuchen, mit Hilfe von Brahim, das Pensum der bisher versäumten 7. Klasse aufzuholen, um bis zum Sommer gute Start Voraussetzungen für die 7. Klasse zu schaffen! Sie sind mit Freude und Engagement dabei!
So freuen wir uns riesig über den Erfolg, um vielleicht auch anderen Familien (Vätern!) einen Anstoß geben zu können!

Was die Finanzierung der insgesamt rund € 200, mit Fahrgeld €250) pro Jahr betrifft, so haben wir für Lubna und Samira Paten finden können. Radias Vater hatte sich mit seinem generellen Einverständnis auch zu der Zahlung der Kosten bereit erklären können.

Lassen Sie uns nun zum Alltag unserer Kindergartenarbeit schauen. Die Arbeit ist gewachsen und vielschichtiger geworden. Wir müssen uns letztlich besonders auf die desolate Schulsituation in Kharoua einstellen. (von der Reduzierung der 3 Lehrer auf 2 Kräfte hatten wir schon Ende Oktober berichtet). So muß 1 Lehrer gleichzeitig 4 Klassen unterrichten!! Proteste bei den Behörden haben nichts ergeben.

Ein weiteres Manko ist, dass aus verschiedenen Gründen häufig der Unterricht ausfällt. Die Streikbereitschaft ist gewachsen (vielleicht ist das auch ein Zeichen der Demokratisierung im Lande?!)

So entstehen bei den Kindern erhebliche Wissenslücken, die wir versuchen nachmittags aufzuarbeiten. Unsere Nachmittage verlängern sich dadurch nicht unerheblich, aber die Bereitschaft und Begeisterung der Kinder sind einfach motivierend! Unser mittäglicher Frühstückstisch mit seinen im Schnitt 30 Kindern hat schon Landschulcharakter! Die „Großen“ übernehmen inzwischen schon Funktionen für Ordnung und Anleitung.

Generell müssen und wollen wir uns auf „unsere“ 10 Schulkinder konzentrieren, die ihr Wissen im Kindergarten aufgebaut haben und motiviert sind. Dieser Tage gab es Halbjahreszeugnisse. Alle unsere Kinder konnten Noten vorweisen, die gut über dem Durchschnitt liegen.

Um unsere Kapazitäten nicht überzustrapazieren, müssen wir an die restliche Truppe der Kleinen, was deren Lerneifer und Engagement angeht, generell etwas strengere Maßstäbe anlegen. Aber auch die älteren Kinder, die weiterwollen, werden kritischer und bringen ihren Unmut über die Schlafmützen und Unwilligen sehr deutlich zum Ausdruck. Wenn das Störpotential dauerhaft zu stark wird, müssen wir uns ineinzelnen Fällen für Rote-Karten entscheiden!
Das fehlende Verständnis der Eltern für das Versagen und/oder Nichtwollen ihrer Sprösslingen ist ein altes, wahrscheinlich nicht zu verbesserndes Thema!!

Strengere Maßstäbe sollen auch helfen, um der Montessori Methode in der Behandlung und Unterweisung der Kinder wieder mehr Gewicht zu verschaffen!

Allgemein ist zu berichten, dass die Verteilung der gespendeten Kleider (Geschwister-Scholl-Gesamtschule-GSG, Dortmund) an unser Dorf, ca 7 Schulen und Kindergärten in der Region abgeschlossen ist. Insgesamt waren es in diesem Jahr sage und schreibe knappe 1.000 Kilos gut erhaltener Kinder-und Jugendkleidung, die mit großer Freude und Dankbarkeit aufgenommen wurden. Hinzu kamen noch je 50 Schlafsäcke und Iso-Matten, die rotarische Freunde aus Heidelberg im November spendeten.

Das ist bei den aktuellen Wetterverhältnissen von höchster Güte und Wichtigkeit, besonders für die Kleinen. In der GSG wartet schon wieder eine große Menge an Kleidung, die im Dezember von den Fünftklässler gesammelt worden ist.

Noch ein Wort zur politischen Lage im Lande.

Mit den Wahlen im Juni hat das politische Leben des Königreichs eine Umorientierung und Neuausrichtung in Form von Demokratie und Parlamentarismus erfahren. Die Parlamentarische Mehrheit liegt bei der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (PJD). Sie hält 107 von 288 Sitzen. Allgemein wird sie als Islamistische Partei bezeichnet. Das klingt sehr radikal. In ihrem Regierungsprogram sind bisher solche Tendenzen nicht sichtbar geworden. Natürlich verfolgt sie Islamische Grundsätze, so wie in Deutschland die christliche Religion die Basis für unsere Verfassung darstellt. Der König, bei dem unverändert die wichtigsten Entscheidungen liegen, wie auch der Ministerpräsident verfolgen weiterhin eine Annäherung an Europa.

Entscheidend wichtig für die weitere positive politische Entwicklung des Landes wird jetzt sein, dass Arbeitsplätze geschaffen werden können. Darauf wartet gerade die Jugend und macht sich mit ihren Forderung lautstark bemerkbar!!
Die Regierung hat zu starken Sparmaßnahmen aufgerufen. Betroffen können u.a. Subventionen sein z.B. für Benzin, Verwaltungsbereich. Darunter sollen nicht nur Dienstwagen für Beamte sondern leider auch gewisse Unterstützungen für den Schulbereich fallen.

Wir beide fühlen uns hier weiterhin gut aufgehoben!
Manchmal zwingen uns bestimmte Eigenarten im Alltagsleben (z.B. Thema „Kommste-heute-nicht, Kommste-morgen“, marokkanische Auslegung der Verkehrsregeln etc) zum tiefen Durchatmen!! Andererseits wollen wir aber das in all den Jahren gewöhnte und zum Teil selbst schon erworbene „Laissez – faire“ Marokkos nicht missen! Hiernach werden wir uns sicher wieder zurücksehnen, nach der für Ende März/ Anfang April beabsichtigten Deutschland-Tournee!

Bleiben sie uns treu! Verfolgen Sie unsere Bericht in der Website www.afousrous.org und in der >Fotogalerie<!

Mit vielen Grüßen und allen guten Wünsche aus Marrakech!

Ihre Helga und Jürgen Münstermann

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